Bund Naturschutz in Bayern e.V.
KG
Bad Tölz-Wolfratshausen
Gebhardtstr. 2
82515 Wolfratshausen

 

An die Stadt Geretsried
Bauamt
Karl-Lederer-Platz 1

82538 Geretsried

 
 

Wolfratshausen, 03.04.2008

 

Stadt Geretsried- 15. Änderung des FNP für das SO Freizeit und Erholung zwischen dem GE Gelting und Gut Buchberg sowie vorhabenbezogener BP Nr. 133 für das SO zur Errichtung einer Wellness- und SPA-Anlage (Spa-Aladin) mit Hotel und Ferienwohnungen

Stellungnahme des Bund Naturschutz in Bayern e.V. zur Auslegung sowie im Hinblick auf das vereinfachte Raumordnungsverfahren, für das keine eigene Anhörung statt findet

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Bund Naturschutz (BN) bedankt sich für die Beteiligung in o.g. Verfahren.

Der BN lehnt die 15. Änderung des Flächennutzungsplans und den vorhabenbezogenen Bebauungsplan Nr. 133 "Spa-Aladin" grundsätzlich ab. In Teil 1 der Stellungnahme erfolgt hierfür die Begründung.

Sollte das Vorhaben dennoch verwirklicht werden, bitten wir, die in Teil 2 dargelegten Bedenken und Anregungen zu berücksichtigen.

Grundsätzlich ist festzustellen, dass insbesondere im Hinblick auf Abwasserentsorgung, Bereitstellung von Brauch-, Thermal- und Heilwasser sowie Energieversorgung trotz ergänzender Unterlagen noch keine konkreteren Planungen vorliegen, lediglich Absichtserklärungen, deren Umsetzbarkeit weitgehend noch völlig offen ist. In Teil 3 der Stellungnahme sind deshalb aus unserer Sicht noch offene Fragen dargestellt, die eine Beurteilung einzelner Aspekte des Vorhabens zum jetzigen Zeitpunkt erschweren.

Teil 1: Gründe für die Ablehnung

Klimaschutz, Schonung der natürlichen Lebensgrundlagen

Im Hinblick auf die weltweiten Bemühungen zum Klimaschutz auf höchsten politischen Ebenen sehen wir in dem Bau einer energieintensiven Wellness-, Fitness- und Thermalbadeanlage grundsätzlich das falsche Signal.

In Zeiten eines sich abzeichnenden Klimawandels (zunehmende Hitze- und Trockenperioden; Niederschläge häufiger in Form von Starkregenfällen, die größten-teils nicht mehr in tiefere Bodenschichten dringen, sondern oberflächig abfließen mit Folgen für die Grundwasserneubildung....) sind natürliche Ressourcen, insbesondere Boden und Wasser zu schonen. Die Nutzung für Luxus-Wellness für einen sehr eingeschränkten Personenkreis halten wir für fragwürdig. Im Landesentwicklungsprogramm Bayern (LEP) finden sich in den Kapiteln B I Ziele und Grundsätze, 3.1 Schutz des Wassers, 3.1.1 Grundwasser und 3.2.2 Wasserversorgung sowie in den entsprechenden Begründungen zu 3.1, 3.1.1 und 3.2.2 wiederholt Formulierungen, die die möglichst sparsame Nutzung und die Schonung des Grundwassers für die öffentliche Trinkwasserversorgung im Sinne einer verantwortlichen Vorsorge für künftige Generationen nahe legen. Dies gilt insbesondere für Tiefengrundwasservorkommen. Auch die Bayerische Verfassung legt den Gemeinden nahe, als vorrangige Aufgabe u.a. Boden und Wasser als na-türliche Lebensgrundlagen zu schützen (Art. 141 Abs. 1).

Flächenverbrauch/Flächenversiegelung, Zersiedelung der Landschaft

Im Bereich der ausgebeuteten und rekultivierten Kiesabbaufläche zwischen Geltinger Gewerbegebiet, Tierheim und Gut Buchberg wäre die Flächenversiegelung aufgrund des bereits gestörten Bodenprofils zwar weniger gravierend als im Bereich des ursprünglich geplanten Vorhabens Mediterana II. Eine riesige Fläche würde für das Vorhaben Spa-Aladin nebst Hotel und Ferienwohnungen dennoch versiegelt mit allen negativen Folgen für die Umwelt (insbesondere für den Landschaftswasserhaushalt; siehe Umweltbericht).

Durch die Anbindung des neuen Sondergebiets (SO) an das Gewerbegebiet Gelting befindet sich das Vorhaben rechtlich und auf dem Papier zwar nicht mehr im Außenbereich. Faktisch entspricht die enorme Bebauung dennoch einem "Bauen auf der grünen Wiese" und einer Zersiedelung der Landschaft, da das umfangreiche SO lediglich an die schmalste Seite des Gewerbegebiets angrenzt und in der Natur durch einen Geländesprung von diesem optisch abgesetzt ist.

Es ist ferner zu befürchten, dass im Lauf der Zeit stets neue Angebote dazu kommen müssen, somit weitere Nebenanlagen entstehen, um die Anlage für Gäste attraktiv und das Geschäft wirtschaftlich am Laufen zu halten.

Beeinträchtigung des Landschaftsbildes

Das unverwechselbare, einzigartige und traditionelle Landschaftsbild einer Region, eines Ortes, bedeutet auch Vertrautheit und Heimat. Die Vielfalt, Eigenart und Schönheit des Landschaftsbildes, die historisch gewachsene Kulturlandschaft sowie die Identität einer Region auch im Siedlungswesen zu bewahren, sind Ziele der Bayerischen Verfassung (BayVerf), des Landesentwicklungsprogramms Bayern (LEP), des Regionalplans Oberland (RP) und der Alpenkonvention. Hier nur eine kleine Auswahl:

- Es gehört zu den vorrangigen Aufgaben auch der Gemeinden, (…) kennzeichnende Orts- und Landschaftsbilder zu schonen und zu erhalten. (BayVerf, Art. 141 Abs. 1).

- Der Erhaltung und/oder Fortentwicklung (...) der landschaftstypischen Bauweisen kommt besondere Bedeutung zu. (LEP BI Ziele und Grundsätze, 2.2.3 Landschaftsbild).

- Die Siedlungstätigkeit soll auf (...) die bauliche Tradition des Oberlandes ausgerichtet werden (RP B II Siedlungswesen, 1.4, Fachliche Ziele).

- In Bezug auf das Siedlungsleitbild: Dabei sind anzustreben: (...) die Bewahrung regionaler Identität und die Sicherung regionaler Potenziale (RP B II Siedlungswesen, 1.1, Begründung).

Übereinstimmend mit den vorgenannten Grundsätzen und Zielen fordert die Regierung von Oberbayern als höhere Landesplanungsbehörde und Träger öffentli-cher Belange bei Stellungnahmen zu Bauleitplänen der Landkreiskommunen stets, dass "auf eine angemessene landschaftliche Einbindung sowie auf eine an die Umgebung angepasste Bauweise zu achten ist" bzw. auf eine "umgebungsgeeignete Baugestaltung (Ortsbild)" (siehe zwei exemplarisch ausgewählte Beispiele im Anhang).

Ganz bewusst soll jedoch mit dem geplanten Großvorhaben einer "orientalischen Wellness-Anlage der Superlative" nordöstlich von Gelting die "faszinierende Welt des Orient mit größtmöglicher Authentizität in Anwendungen und Architektur" (Schletterer Wellness & Spa Design) ins bayerische Oberland importiert werden. Dies steht in eklatantem Widerspruch zu all den vorgenannten Grundsätzen und Zielen übergeordneter Programme und Pläne sowie den Forderungen der Regierung von Oberbayern in konkreten Bauleitplanverfahren. Ein Problem sehen wir nicht nur in der fremdländischen Architektur, sondern auch in der enormen Höhenentwicklung der Gebäude.

Ferner möchten wir darauf hinweisen, dass der Landkreis derzeit im Rahmen des LEADER-Projekts mit EU-Fördermitteln versucht, auf der Basis der regionalspezifischen Ressourcen die regionale Identität und den ländlichen Raum zu stärken. Diese Bemühungen würden durch den Bau einer orientalischen Wellness-Anlage ad absurdum geführt.

Verlust des Dorfcharakters

Ein erklärtes Ziel der Stadt Geretsried ist es, den Dorfcharakter Geltings zu erhalten. Mit Verwirklichung der sehr massiven Bebauung ist dies nicht mehr gegeben.

Abwasserentsorgung

Selbst wenn bei dem Vorhaben die gesetzlich geforderten Abwasserwerte durch eine hauseigene Kläranlage eingehalten werden, wird durch die Einleitung des Klärwassers die Isar zusätzlich belastet (NSG, FFH-Gebiet). Bedenken haben wir insbesondere hinsichtlich Hormonen und Medikamentenrückständen im Abwasser, die nur ungenügend ausgefiltert werden können. Sollte der Betreiber Chlor zur Keimabtötung im Badewasser verwenden, trifft dies auch auf Chlor zu.

Insgesamt gesehen ist das Vorhaben aus unserer Sicht nicht mit den überörtlichen Belangen des Umweltschutzes vereinbar.

Teil 2

Sollte das Vorhaben dennoch verwirklicht werden, bitten wir um Berücksichtigung folgender Bedenken und Anregungen:

Abwasserentsorgung

Wir halten für fraglich, ob der Loisach-Isar-Kanal in Trockenzeiten, in denen er wenig Wasser führt, als Vorfluter des Klärwassers geeignet ist.

Zur neutralen Messung der Abwasserwerte (z.B. durch Wasserwirtschaftsamt oder Abwasserverband) sind auf jeden Fall Messschächte, auch außerhalb der Grundstücksgrenzen des Spa-Aladin erforderlich.

Teil 3: Offene Fragen

Ausmaße Tiefgarage

Aus den Planunterlagen gehen die Ausmaße der Tiefgarage für die 950 Stellplätze nicht hervor.

Grünordnung / Grünordnerisches Konzept

Der BN begrüßt im Grundsatz das grünordnerische Konzept, das die Schaffung von Gradienten hinsichtlich der Flächennutzung sowie der Ein- und Durchgrünung von innen nach außen zur Überleitung in die freie Landschaft vorsieht (je weiter nach außen: standortgerechte, heimische Vegetation). Offen bleibt jedoch, welche "fremdländischen und immergrünen Gehölze" im Bereich der ausgewiesenen "Privaten Grünfläche (Gebäudeumfeld)" geplant sind und was zu deren Unterhalt erforderlich ist (z.B. Heizen des Wurzelbereichs?; Intensive Düngung und Schädlingsbekämpfung?).

Wasser / Abwasser

Aus den Unterlagen geht nicht hervor, mit welcher Methode die Keime im Badewasser abgetötet werden sollen (Chlor, UV-Bestrahlung, Ozon?). Wie in Teil 1 bereits erwähnt, haben wir gegen die Verwendung von Chlor erhebliche Bedenken. Nicht dargestellt wird ferner, was mit den bei der hauseigenen Klärung anfallenden Feststoffen geschieht.

Unklar ist uns, welche Abwässer mit einem Anteil von ca. 45.000 m3/a aus sanitären Anlagen und Gastronomie unverschmutzt (Reinwasser) anfallen.

Unklar ist, ob und wo welche Messschächte zur Überprüfung der Abwassereinleitungen vorgesehen sind.

Für eine eventuelle Einleitung der dezentral gereinigten Abwässer über ein Rigolensystem in den Grundwasserbegleitstrom der Isar oder in den Loisach-Isar-Kanal steht das Ergebnis eines gesonderten Wasserrechtsverfahrens noch aus. Ebenfalls für den Brunnen zur Brauchwasserversorgung.

Unter Punkt 2.6 des Erläuterungsberichts der ARGE IfMU heißt es, dass zur Entsorgung des Abwassers derzeit der Bau einer biologischen Membrankläranlage und die Ableitung des gereinigten Abwassers über eine Druckleitung zum Loisach-Isarkanal geplant ist. Unter Punkt 4 heißt es allerdings, dass das verschmutzte Toilettenspülwasser in die Kanalisation eingeleitet wird, ebenfalls unter Punkt 8 das abgebadete Wasser. Unklar ist hier, ob die hauseigene Abwasserentsorgung gemeint ist, oder die zentrale Abwasseranlage.

Geothermie, Energieversorgung

Grundsätzlich würde der BN die Nutzung von Erdwärme zur Wärme- und gegebenenfalls auch zur Stromversorgung des Spa-Aladin begrüßen. Aus den vorhandenen Unterlagen ist jedoch nicht erkennbar, wie und wann dies genau realisiert und wie es technisch gelöst werden soll. Der derzeitige Entwicklungsstand ist noch nicht weiter fortgeschritten, als dass es "vorgesehen" ist. Von der Firma Enex liegen noch keine Bohrergebnisse vor. Dies erschwert eine Beurteilung.

Ob weitere Wärmeerzeugungseinrichtungen wie z.B. ein Blockheizkraftwerk zur Wärme- und Stromerzeugung bzw. eine Wärmepumpe eingesetzt werden können, wird ebenfalls einer Prüfung im Zuge der weiteren Planung überlassen.

In der Begründung zum vorhabenbezogenen BP Nr. 133 in der Fassung vom 29.01.2008 heißt es unter Punkt 6, dass für die Energieversorgung neben der Erdwärme zusätzlich alternative Energieträger wie z.B. Solarenergie/Photovoltaik vorgesehen sind. Wo und wie diese in die auf Repräsentation ausgelegte Architektur oder in das Gelände integriert werden sollen bleibt offen.

Thermalwasser / Heilwasser

Auch der Bezug von Thermalwasser für die Beckenkreisläufe durch die Firma Enex ist bislang ohne nähere Angaben lediglich "vorgesehen".

Offensichtlich unabhängig von der Firma Enex soll geprüft werden, ob Grundwasser für balneologische Zwecke erschlossen werden kann. Für diese Nutzung werden ca. 80.000 m3/a Grundwasser benötigt. Unklar ist uns, ob diese Menge zusätzlich zu dem unter Punkt 1 geschätzten Bedarf an Trinkwasser für das SPA erforderlich ist.

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Zur 15. Änderung des FNP für das Sondergebiet Freizeit und Erholung zwischen dem GE Gelting und Gut Buchberg

Unter Ziel und Zweck der Planung wird die FNP-Änderung damit begründet, dass den sozialen und kulturellen Bedürfnissen der Bevölkerung in Bezug auf die Belange Sport, Freizeit, Erholung und Gesundheit Rechnung getragen werden soll. Das Planungsbedürfnis ergebe sich aus dem Erfordernis, das Angebot in Bezug auf Freizeit und Erholungsflächen nach Wegfall solcher Flächen durch die S-Bahn-Planung im Bereich des Gebietes Böhmwiese weiterhin aufrecht zu erhalten bzw. noch zu verbessern.

Diese Argumentation ist für uns nicht nachvollziehbar, da auf der Böhmwiese nie eine exklusive Wellness-Anlage geplant war. Wohl aber denkt die Stadt Geretsried seit Jahren immer wieder über eine Auslagerung von Sportstätten nach, u.a. war der Bereich der ehemaligen Kiesgrube und jetziger Spa-Aladin-Standort im Gespräch. Für Sport- und Freizeitanlagen, die vor allem der breiten Bevölkerung aus dem Raum Geretsried gedient hätten, steht der Standort nun nicht mehr zur Verfügung. Das neue SO Freizeit und Erholung dient dagegen lediglich einem sehr eingeschränkten Personenkreis (vermutlich weniger der heimischen) für eine sehr eingeschränkte Nutzung. Kinder gehören ausdrücklich nicht zur Zielgruppe des Spa-Aladin. Für einen Teil der heimischen Bevölkerung wird zudem das Gebiet respektive der an der nördlichen Grenze befindliche Geh- und Radweg in seiner Erholungsfunktion deutlich beeinträchtigt.

Mit freundlichen Grüßen

gez. Carola Belloni

1.Vorsitzende

BN Bad Tölz-Wolfratshausen