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Lebensbäume

von Ulrike Seifert (am 13.04.2020)

Fotografieren heißt nicht nur, Objekte auf einem Medium festzuhalten. Es geht darum, Dinge in den Blick zu nehmen. Und wenn ich als Schreibende, wie hier, oder als Fotografin die Entscheidung treffe, etwas in den Blick zu nehmen, bedeutet das wiederum: es in seiner Eigen- und Besonderheit als wichtig genug wahrzunehmen, um ihm Respekt zu zollen.

Was das konkret bedeutet, das lerne ich jedes Mal neu. Wie auch an einem leuchtenden, frostigen Morgen im vergangenen Winter: ich hatte den Auftrag, in Icking und Umgebung einige der ältesten Bäume zu fotografieren. Eichen, Linden. 

Warum denn Bäume fotografieren, mag man sich denken. Warum sind die so besonders, dass sie drei Stunden und letztendlich knapp 200 Fotos wert sind? Auch wenn ich zweihundertmal Strukturen von Ästen, Rinde, Stämmen, Wurzeln vor der Linse hatte, und das nackt, ohne das zierende Laubwerk — so war mir doch in keiner Weise fade.

Etwas ist mir einmal mehr mit Eindringlichkeit aufgefallen, etwas, was ich eigentlich schon weiß: Bäume, in ihrer Höhe, Symmetrie und Masse, ihren komplizierten Verästelungen, ihrem ausladenden und weitläufigen Wurzelwerk, sind nicht nur ästhetische und majestätische Körper. Sie sind Räume. Und in besonderer Weise so viele Arten von Räumen — für andere Tiere und Pflanzen wie für Menschen.

Schon der Baumkörper selbst: wie oft habe ich schon Blattwerk gesehen, in dem regeres Treiben herrschte als in dem bienenstockartigen Plattenbau daneben. Als Bild kommt mir dabei auch eine „Mäusestadt“ in den Sinn, die ich jedes Frühjahr als lebenshungriger Tourist besuche: ein weitläufiger Verbund aus Baumwurzelwerk, Unterschlüpfen und Löchern an einem Waldhang, der in seiner flinken golden-pelzigen, knopfäugigen Lebendigkeit einer Menschensiedlung in keiner Weise nachsteht.

Forschungen der letzten Jahre, wie sie z.B. im GZBÖ der Universität Göttingen zur Biodiversität in Bäumen betrieben werden, zeigen es immer mehr im Detail: In einer Blätterkrone, auf einer rauen Rindenhaut, in einem dunkel-feuchten Wurzelwerk wohnen, arbeiten, sitzen, kuscheln, unterhalten, verstecken und vermehren sich, spielen, essen, ruhen, wachsen — leben tausende verschiedenster Tier- und Pflanzenarten. Dabei in „guten“ Bäumen mehrere zehntausend Individuen! Viele Spezies, die Forscher heute z.B. in Baumkronen finden (auch manchmal in nur einer einzigen), sind uns noch nicht einmal bekannt.

Da gibt es sogenannte „Aufsitzerpflanzen“ wie Moose und Gräser, aber auch wichtige Bakterien und Pilze, Vögel, kriechende und fliegende Insekten, Säugetiere. Ein richtiges Biotop oder auch eine Gesellschaft. Schmetterlinge, Spechte, Käuze, Eichhörnchen, Siebenschläfer, Mäuse, Waschbären, Dachse, Füchse, Rehe, Igel… (und noch so viele mehr) sind überall, auch in Deutschland und Icking, auf Bäume zum Überleben angewiesen.

Doch auch wir Menschen nehmen Unterschlupf in Räumen, die uns Bäume bieten. Menschen suchen vor Wetter unter einem Blätterdach Schutz. Denkmäler finden an solchen behangenen Stellen ihre mahnende Stille. Dichtern, Denkern und Narren aller Zeiten kamen unter Bäumen ihre zündenden Ideen. Unzählige Kinder haben unter und in Bäumen gespielt und Schätze versteckt, Pärchen haben sich unter einem Blätterdach zum ersten Mal geküsst. Wieviele halten nach 35 Jahren Ehe auf einer Bank unter Bäumen die Hände, einander schweigend von sich erzählend? 

Ein solches Paar ist mir beim Fotografieren der Bäume tatsächlich begegnet.

 

Quellen:
Leuschner, Christoph. „Lebensraum Baumkrone: Schatzkiste der Biodiversität“. Georgia Augusta 1, 2002. Online, letzter Zugriff am 13.04.2020.
Gloor, Sandra und Göldi Hofbauer, Margrith. „Der ökologische Wert von Stadtbäumen bezüglich der Biodiversität“. Jahrbuch der Baumpflege 22, 2018, S. 33–48. Online, letzer Zugriff am 13.04.2020.

 

 

von Marion von Hofacker (am 26.3.2020)

Im Moment konzentriert sich unsere ganze Aufmerksamkeit auf das Corona-Virus. Corona ist ein integraler Bestandteil unseres täglichen Lebens geworden und wird aus allen Blickwinkeln diskutiert und analysiert. Das Entmutigende ist, dass uns die Sorge um das Virus von den Wundern des Frühlings ablenkt, die sich gerade vor unseren Augen entfalten. Es ist schwer, zu Beginn dieses Aprils positive Gedanken zu formulieren.

Nach einiger Überlegung bin ich zu dem Schluss gekommen, dass es aber auch einige Gründe gibt, die Corona-Pandemie positiv zu betrachten – zum Beispiel hinsichtlich der Natur. Wenn wir aufmerksam zuhören, erkennen wir im Wald eine neue Stille. Die Straßen haben einen neuen Klang, jetzt, da sie zu einem gewissen Grad zum Schweigen gebracht worden sind und nur hin und wieder ein „Husch“ zu hören ist, wenn ein Auto vorbeifährt. Ich höre jetzt die Lieder der Vögel deutlich, da sie nicht mit anderen Geräuschen konkurrieren müssen. 

Aus unserer Ickinger / Irschenhausener Perspektive haben wir den Zauber des Frühlings beobachten können, als sich die Blüten des wilden Kirschbaums entfalteten, dann die leuchtend gelben Zweige der Cornel Kirsche, und nun macht sich auch der weiße Schleierflor der Schlehe auf den Weg, eine Pracht vor dem Hintergrund des dunklen Waldes. 

Und nun auch noch das große Erwachen der heimischen Primeln – tausende von ihnen tauchen wie von selbst in unseren Gärten auf. Dieses überwältigende Farbenspiel von Lila, Weiß, Rosa und Rot gemischt ist Zeugnis einer großartigen Komposition der Natur. 

Letzte Woche blühten die Primeln um die Wette. Dann kehrte der Frost zurück und sie versteckten sich unter dem Gras. Aber sie sind stark und werden wieder blühen. 

Um diesen unglaublichen Anblick zu genießen, empfehle ich einen kurzen Blick über den Zaun einiger Irschenhausener Gärten, wo man diese Farbenpracht erspähen kann. 

So zum Beispiel

Krautgärten 24, 25, 27, 30

Eggenberg 4

Hollerhaus

Neufahrnerweg 2, 4, 5 Rück

Schäftlarnerweg 7

Ulrichstr. 42, 63, 65, 66, 74